Das Buchheften auf Schnur

Die meisten Bastler, die sich mit Buchbinden befassen, heften ihre Bücher auf Band, in der irrigen Annahme, dass dieses Verfahren einfacher sei. Da dies aber nicht der Fall ist, und da ich sogar aus eigener Erfahrung bestimmt behaupten kann, dass das Heften auf Schnur mindestens vier- bis fünfmal so schnell geht als auf Band, möchte ich hier die Schnurheftweise näher erläutern, und zwar so ausführlich, dass auch Bastler, die sich bis jetzt noch nicht mit Buchbinden befasst haben, dabei profitieren können.

Zunächst etwas über die Vorbereitung der zu bindenden Bücher: Das Binden von neuen Büchern in Bogen wird wohl selten in Frage kommen, es sei nur so viel darüber gesagt, dass die Bögen auf richtige Falzung zu untersuchen und nötigenfalls nachzufalzen sind, ein Ausschneiden der Bögen ist zu unterlassen, diese Arbeit kann man sich ebenfalls bei neuen Broschüren sparen.
Bei Broschüren und Büchern hat man nun zunächst die einzelnen Hefte sorgfältig von einander zu trennen und alle Fäden und Leimkrusten zu entfernen; dies nennt man „ausreißen“.

Sodann kommt das Vergleichen, d. h. man prüft, ob alle Blätter vorhanden sind und ob sie in der richtigen Reihenfolge liegen. Dabei wird man besonders bei alten Büchern manchen Riss und manche fehlende Ecke entdecken und beginnt deshalb nun mit dem Ausbessern.
Risse überstreicht man ganz schmal mit Kleister und legt einen Streifen Seidenpapier darauf, den man vorsichtig anreibt und trocknen lässt. Nach dem Trocknen reißt man das überstehende Seidenpapier ab, so dass die Flickstelle ganz unauffällig wird.
Will man eine Ecke oder sonst ein fehlendes Stück ersetzten, so reißt man sich ein Stückchen ähnliches Papier in der Form des alten Risses ab und klebt es ganz schmal mittels Kleister an.
Sind zwei ursprünglich zusammengehörige Blätter im Falz gerissen, so muss man sie wieder mit einem schmalen streifen dünnem Papier, dem Falz, vereinigen.

Ist nun alles schön getrocknet und geordnet, so kommt das Einpressen; dies ist nötig, damit die Blätter, bzw. Hefte recht glatt werden; bei alten Broschüren ist dies besonders nötig, weil sich bei diesen die einzelnen Hefte am Rücken ganz widerspenstig rollen und einen später zur Verzweiflung bringen.
Solche Hefte befeuchtet man am Rücken etwas und legt sie ganz besonders sorgfältig in die Presse, auch presst man sie länger als andere Bücher.
Zum Einpressen muss man die Bücher recht sorgfältig stoßen, dass alle Hefte gleichmäßig übereinander liegen; gestoßen wird nach der oberen Kante und dem Rücken. Nach der oberen Kante deshalb, weil dort ja früher der Falz war und dieser von dem Druck auf jedem Blatt den gleichen Abstand hatte.

Wenn die Bücher, deren man in die Presse mehrere unter Zwischenlage vom Brettchen einlegen kann, am andern Tag hübsch glatt sind, kann man an das Einsägen gehen; dies ist die einzige Arbeit, die man mehr hat als beim Heften auf Band, wie man aber später sehen wird, macht sie sich mehr als reichlich bezahlt.
Zunächst muss man sich klar sein, wie viel Bünde man machen will, bei Büchern in der Größe des vorliegenden Heftes, genügen zwei, bei etwas größeren Büchern macht man drei und bei Zeitschriften und dergleichen vier.
Außer den Einsägungen für die Bünde erhält jedes Buch noch zwei weitere, nämlich die Fixbünde, und zwar den einen etwa 1 cm vom Kopf des Buches entfernt und den anderen etwa 2 cm vom unteren Ende des Buches, wenn man später viel beschneiden will, so geht man mit dem unteren Fixbund noch etwas höher herauf.
Man bezeichnet sich mit Winkel und Bleistift zunächst die beiden Fixbünde an und teilt dann den dazwischenliegenden Teil des Rückens entsprechend der gewählten Anzahl Bünde ein. Nun legt man das erste und letzte Heft beiseite und spannt das Buch zwischen zwei Brettchen in die Presse, dass der Rücken etwa 1 cm über Rücken und Oberkante gestoßen. Mit einem Fuchsschwanz sägt man jetzt die vorgezeichneten Stellen ein, und zwar zunächst die Fixbünde, bei diesen hält man die Säge ganz ruhig. Dann sägt man die Bünde und pendelt dabei mit der Säge hin und her, damit man einen breiteren Einschnitt bekommt, der der Dicke der verwendeten Schnur entspricht, die Schnur soll sich gerade in den Schlitz einklemmen lassen.
Die Tiefe der Einschnitte muss mindestens so groß sein, dass die Schnur ganz hineingeht, also nicht über dem Buchrücken vorsteht. Wenn die Einschnitte etwas tiefer sind, schadet es nichts, sie sollten auf alle Fälle bis auf das innerste Blatt gehen, dieses also auch noch ausschneiden.

Ehe man mit dem Heften beginnt, muss man sich jetzt die Vorsatzblätter und die Heftfälzchen herrichten. Das Vorsatzpapier kann ganz nach Geschmack weiß oder farbig oder gemustert sein, man schneidet sich zwei Blätter 1 cm höher als das Buch und 3 cm länger als die doppelte Buchbreite, und falzt sie in der Mitte zusammen. Dann schneidet man zwei Heftfälzchen aus dem gleichen Papier, so hoch wie die Vorsätze und etwa 4 bis 6 cm breit, je nach der Größe des Buches. Diese Fälze klebt man ganz schmal mittels Kleister an die Vorsätze an deren gefalzten Rücken (Abb. 1).

Nach dem Trocknen werden die Vorsatzblätter mit den Fälzen zusammen umgebrochen, indem man sie so auf den Tisch legt, dass die Fälze unten liegen; das umgelegte Stück muss so breit sein, dass es noch 4 bis 5 mm über das erste oder letzte Heft greift, wenn man dies in den Falz legt (Abb. 2).

Jetzt können wir mit dem Heften beginnen. Wir brauchen dazu erstens Bindfaden für die Bünde, dessen Stärke sich der Buchgröße anpassen muss, und leinenen Heftfaden sowie eine kräftige Nähnadel, aber nicht etwa eine Stopfnadel.
Die Bünde spannt man in den Abständen der Einschnitte des Buchrückens in die Heftlade und kontrolliert, ob sie parallel sind, indem man mit dem obersten Heft an ihnen entlang fährt; das obere Ende des Buches kommt nach links.
In die Nadel fädelt man sich einen Faden von etwa 2 m Länge, legt auf die Heftlade ein Brett in der ungefähren Größe des Buches und links neben die Heftlade das Buch mit dem ersten Heft nach unten.
Mit der linken Hand holt man sich die einzelnen Seiten heran und klappt jedes Heft in der Mitte auf, die linke Hand liegt nun im Heft, die rechte Hand hält die Nadel. Zuvor hat man sich auf das zu oberst liegende letzte Heft, um das der umgebrochene Vorsatz gelegt ist, mit Bleistift die Stellen markiert, an denen die anderen Hefte eingesägt sind. Man fängt nun mit dem Heften recht an und sticht die Nadel an der Stelle des rechten Fixbundes in den Rücken des Heftes, etwas über dem Bruch (Abb.2), jedoch so, dass sie im Heft in der Mitte herauskommt, und zwar auch wieder etwas über dem Bruch.
Dann sticht man wieder von außen nach innen, auch ein wenig links vom Bund und fährt so fort, bis die Nadel beim linken Fixbund herauskommt.

Wenn das erste Heft fertig ist, ist das Schwerste überstanden, und jetzt werden wir die Vorteile der Heftung auf Schnur kennen lernen.
Zuvor noch ein kleiner Trick, der aber nicht vom Buchbinder stammt, sondern dem Sattler abgesehen ist.
Dem Bastler, dem die Nadel meist ein ungewohntes  Werkzeug ist, kommt es nämlich bei Heften öfter vor, dass ihm der Faden aus dem Nadelöhr rutscht; deshalb macht man es wie der Sattler, man sticht die Nadel durch das kurze durchs Ohr gezogene Fadenende, streift den Faden über Nadel und Öhr und zieht die so entstandene Schlinge zu. (Abb. 3 und 4.)

Der durchs erste Heft genähte Faden wird nun nach links durchgezogen und rechts ein etwa 10 cm langes Trum hängen gelassen. Nun nimmt man das zweite Heft, legt es auf das erste und fährt mit Heften fort, indem man immer neben den Bünden in die Einschnitte sticht, dabei sticht man mit der Nadelspitze nach innen und gleich darauf mit dem Öhr nach außen, dies ist eine wesentliche Zeitersparnis, die unsere deutschen Buchbinder schon herausgefunden hatten, lange, ehe man etwas vom Taylorsystem wusste.
Ist das Heft durchgeheftet, dann zieht man den Faden wieder nach, bis er straff sitzt; aber immer in der Richtung des Buchrückens ziehen!
Wenn der Faden am zweiten Heft rechts herauskommt, muss das freigelassene Fadenende mit ihm verknüpft werden, worauf man das Ende auf 5 mm abschneidet.
Dadurch, dass man immer in die Einsägung stechen kann, geht das Heften außerordentlich rasch vor sich. Das letzte Heft wird dann wieder genau so wie das erste geheftet und der Faden dann mit dem des vorletzten Heftes verknüpft.

Man kann auf diese Weise mehrere Bücher übereinander heften und dann auf den Bünden verschieben, dass jedes Buch die erforderliche Bundlänge, 4 bis 6 cm erhält, worauf man die Bünde mit der Schere abschneidet.



Abb.1. Der Heftfalz als Vorsatzpapier.
Abb. 2. Wie man die Nadel einsticht.
Abb. 3 u 4. Die Schlinge am Ohr der Heftnadel.
Von Emil K., München.



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Bei den Artikeln, Tipps und Tricks, usw. auf dieser Webseite handelt es sich zum größten Teil um Auszüge aus Büchern, die um 1900 erschienen. Daher sind die Rezepte und Anleitungen nicht auf dem neuestem wissenschaftlichen Stand. Unter Umständen ist hier von Chemikalien die Rede, bei denen sich herausgestellt hat, dass sie giftig sind. Daher muss du dich auf jeden Fall erst kundig machen, was es mit den einzelnen Chemikalien auf sich hat und welche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, bevor du sie anwendest!
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