Ein Puppenhaus

Der Wunsch ihres kleinen Mädchens ist eine Puppenstube. Je mehr sie der Wirklichkeit, der Umgebung des Kindes entspricht, umso schöner. Meine Frau hat aus ihrer Kindheit zwei Puppenstuben, die neben- und übereinander gesetzt werden konnten, aufbewahrt. Die bekam unser Töchterchen als sie etwa 5 Jahre alt war. Nach einem Jahr machte ich ihr in gleicher Größe eine dritte, so dass sie nun Wohnzimmer, Schlafstube und Küche hatte. Allmählich wurden aber andere Wünsche laut: elektrische Beleuchtung, Türen. Da reifte in mir der Plan, diese drei Räume zu einem Ganzen zusammenzubauen. Folgendermaßen führte ich es aus:

Die drei Zimmer stellte ich aufeinander. Schmale Leisten verhüten das Abgleiten der oberen. Der Fußboden des II. Stockwerkes ist Decke des I. Stockwerkes usw. Das III. Stockwerk habe ich oben verschlossen. Die Türen sind zu den Räumen alle - von vorne gesehen - links. Größenverhältnisse gehen aus Abbildung 1 hervor.

Zur Ausführung benutzte ich Holz von 2 mm Stärke. Nun ging ich an den Bau des Treppenhauses. Die größte Schwierigkeit boten die Treppen. Ich ging in den Hausflur und studierte dort. Nach mancherlei Schwierigkeiten schaffte ich es (siehe Abbildung 4, 5, 6 und 7).

Die rechte Seite des Treppenhauses blieb offen. Durch Haken und Ösen an der Rück- und Oberseite befestigte ich es an den drei Räumen. In die Hinterwand kamen zwei Fenster (Abbildung 5). Treppen brauchte ich vier, je zwei sind gleich. Bauweise ist aus den Abbildung zu ersehen. Als Material benutzte ich 1 cm und 1/2 Zentimeter starke Brettchen. Von jedem Kaufmann sind leicht Palmin- und Margarinekästchen zu beschaffen. Die meisten Bretter davon sind brauchbar. Es gehört nur wenig Arbeit mit dem Doppel- und Putzhobel dazu, um sie glatt zu bekommen. Die Pfosten sind entweder durch kleine Holzschrauben an der Treppe befestigt - unten bei Treppe I - oder durch größere Holzschrauben von unten auf die Flurbretter geschraubt. Die Größe der Flurbretter ist aus Abbildung 4 zu ersehen. Sie sind auf schmale Leisten gelegt, die an den Wänden befestigt sind oder durch Drahtstifte durch die Wand hindurch.

Zum Geländer nahm ich schwache Hölzchen 1 x 1 cm und als Gitterstangen so genannte Wurstspiele, wie bei jedem Fleischer zu bekommen sind. In die Treppenseitenbretter bohrte ich kleine Löcher und leimte die angespitzten Wurstspiele hinein. Die Geländer der Flure (Abbildung 7) stellte ich auf ähnliche Weise her. Die unteren und seitlichen Kanthölzchen der Geländer befestigte ich durch Drahtstifte an der Wand oder auf dem Fußboden. Anstrich der Treppe: Firnis, hinterher Lack, oberer Teil des Geländers schwarz. Auf den Treppenseitenbrettern zeichnete ich außen die eigentliche Treppe, durchbohrte das Brett für jedes Brettchen der Stufen zweimal und nagelte dann die Treppen und Stufen leicht zusammen.

Die Fensterfrage löste ich sehr einfach. In die Wände schnitt ich Löcher von 14 x 20 cm Größe. Auf der Innenseite machte ich mit dem Stemmeisen eine kleine Nute. Da hinein kommen dann noch die vier Vertiefungen für das Fensterkreuz (Abbildung 2). In die Nute legte ich die Fensterscheibe, die ich mit kleinen schmalen Leisten befestigte. Kitt möchte ich nicht empfehlen, denn der fettet zu leicht bei Tapeten durch. Die kleinen Leisten stelle ich mir so her: ich schnitt aus Zigarrenkistenholz etwa 1 cm breite Streifen und klebte darum mit Leim aus Kartoffelmehl Reichsadlerpapier. Zu einem Fenster brauchte ich vier (Abbildung 5). Mit dem Drillbohrer durchbohrte ich die schmale Kante quer in der Mitte, hielt mit einem längeren Drahtstift leicht die Scheibe fest und hatte gleichzeitig schneeweiße Fensterrahmen, ohne mit Ölfarbe bestreiten zu brauchen. Vorher legte ich natürlich das Fensterkreuz (Abbildung 2) hinein, strich es mit weißer Ölfarbe, lackierte es und brachte aus 2 1/2 Zentimeter breiten und 1/2 cm dicken Brettchen einen Fensterrahmen an, denen ich hellgrün strich.

Ein Blick ins Innere


Zu den Fenstern gehören natürlich auch Gardinen. Elf Fenster kommen in Frage. Meine Frau hatte fast einen Tag zu tun, um sie alle zu nähen. Als Gardinenstangen benutzte ich kleine Leisten, die mit längeren Drahthaken sehr leicht befestigt wurden. 5 m rotseidenes Band - 1 cm breit - wurde für Schleifchen verbraucht. Die Türen zu den drei Zimmern machte ich aus 1 cm starken Brettchen (Abbildung 3) und befestigte sie durch kleine Scharniere so, dass sie sich nach dem Flur öffnen. Als Griff brachte ich kleine Holz-oder Hornknöpfe an, die in jeder Handlung für Tischlerbedarfsartikel zu haben sind.

Die Räume wurden, nachdem die Ölfarbe gründlich trocken war, alle tapeziert: Fußboden, Wände und auch die Decke innen und außen. In jedem Tapetengeschäft gibt es für Puppenstuben so reizende Muster, das die Wahl schwer fällt. Im Flur habe ich die Tapete dreimal übereinander, für drei Stockwerke, geklebt. Außen benutzte ich rote Backsteintapete und oben Dachziegeln. Vom Kaufmann besorgte ich mir einen billigen, breit gestreiften Wollstoff, zerschnitt ihn so, dass immer zwei Streifen in der Mitte längs liefen und hatte den schönsten Läufer, nachdem ich die Kanten auf der Maschine gesäumte hatte. Damit belegte ich Treppen und Flur, befestigte ihn mit Blauköpfen und machte den Raum mit dieser Kleinigkeit sofort wohnlicher.

Die größte Freude erzielte ich aber mit der elektrischen Beleuchtung und elektrischen Klingel. Elemente sind zu teuer im Gebrauch, Klingeltransformatoren zu teuer in der Anschaffung. Nun besitze ich einen Kosmosbaukasten: Elektrotechnik. In diesem liegt eine Widerstandsschnur. Diese habe ich wie dort beschrieben auf ein Brett montiert und mithilfe einer Steckers an die Lichtleitung (110 V) angeschlossen. Bei 220 V nimmt man zwei Schnüre hintereinander geschaltet. In dem Puppenhaus und sechs Brennstellen und eine elektrische Klingel. Ich besorgte mir Klingeldraht (1 m kostet etwa 0,04 RM), kleine Fassung für den Flur (je 0,20 RM), zwei Pendel mit Birne (je eine Reichsmark) für Küche und Schlafzimmer.

Mithilfe eines Drahtringes, etwas Seide und einigen Glasperlen arbeitete ich das Letztere zu einer Lampe mit Seidenschirm um. Für das Wohnzimmer besorgt ich eine kleine Tischlampe (mit der Birne 1,60 Reichsmark). Die elektrische Klingel kostet 1,75 Reichsmark, ein kleiner Schalter 25 Pfennig. Die letzteren sind sehr dauerhaft, man kann sie vorwärts und rückwärts drehen. Ich habe in den letzten zwei Jahren erst einen ersetzen müssen. Das Knipsen damit ist die größte Freude selbst der Kleinsten. Die Lichtleitung legte ich vor dem Tapezieren. Zu jeder Lampe gehörte eine besondere Leitung. Auf der Widerstandsschnur werden im Abstand von etwa 3-4 cm - entweder benutzt man einen Voltmesser oder probiere, die kleinen 4-Voltlampe darf nicht zu hell brennen, sonst ist die Lebensdauer zu kurz. - Die blanken Enden von zwei Klingeldrähten werden befestigt, fest umwickelt und mit der Flachzange festgedrückt. Und nun verfährt man wie bei der gewöhnlichen Anlage einer Lichtleitung von einem Element oder sonstigen Stromquelle. Da die Widerstandsschnur ziemlich lange ist - etwa 1 m - kann man sehr viele Leitung anlegen, mehr als man gebraucht. Ich möchte es nochmals wiederholen: für jede Lampe beziehungsweise Klingel werden 2 Drähte zur Widerstandschnur geleitet und immer im Abstand von 3-4 cm befestigt. Mein Junge hat einen Pferdestall bekommen, natürlich wie das Schwesterchen auch mit elektrischem Licht. Stromquelle ist auch die Widerstandsschnur. Diese Schnur wird beim Gebrauch heiß, und darum habe ich sie auf das flache Dach des Hauses gestellt, wohin die Kinder nicht kommen können. Man könnte vielleicht noch ein schräges Dach darauf setzen und in den entstandenen Bodenraum das Brett mit der Widerstandsschnur setzen. Ich habe es nicht getan, weil mir der Bau sonst zu hoch wurde. Die Lichtleitung - Klingeldrähte - gehen meistens an der Hinterwand des Hauses entlang und einfach durch die Wände hindurch. Die Tapete deckt hinterher ja alles zu. Damit die Kinder die Klingel auch dann benutzen können, wenn die Vorderwände abgenommen sind - siehe Abbildung - und jeder "Besuch" muss sich doch durch Klingel anmelden! - habe ich mithilfe zweier Klemmschrauben eine einfache Vorrichtung schaffen. Die Kinder legen auf die dicht beieinander stehenden Klemmschrauben ein Nagel und schon ertönt die Glocke. Irgendwelche elektrische Schläge können die Kleinen nicht abbekommen, denn es sind in der Leitung immer noch 4 V. Der Stromverbrauch ist sehr gering, etwa so wie bei einer 25kerzigen Lampe. Die Arbeit, solche Beleuchtung anzulegen, lohnt sich jedenfalls. Es sieht zu reizend aus, wenn bei halb verdunkelten Zimmer, bald in der Küche, bald im Flur, bald überall die Lampen aufblitzen und seelige Kindergesichter davor stehen.

Mein Mädel klagte immer früher darüber, dass die jüngeren Geschwister immer Unordnung in der Puppenstube machten, ja die kleinen Möbel zerbrachen. Diesem Übel wollte ich durch eine Tür abhelfen. Beim Spiel sollte sie geöffnet sein. Aber als Tür oder Türen würde dieser Verschluss zu schwer geworden, vielleicht durch sie manchmal das ganze Haus beim Spiel umgerissen worden sein. Darum habe ich zwei abnehmbare Vorderwände (Abbildung 6) gemacht, die bei Nichtbenutzung davor stehen. Nun können die kleinen Geschwister kein Unheil mehr anrichten und das Haus leidet auch nicht so unter Stau. Als Tapete für die Innenseite benutzte ich die Rückseite irgendeiner grauen Tapete. Fenster wie oben. Die kleinen Möbel zu den Zimmern habe ich fertig in einer Spielwarenhandlung gekauft.

Das fertige Puppenhaus


Mit diesem Puppenhaus habe ich beziehungsweise der Weihnachtsmann meinem Töchterchen eine riesige Freude gemacht. Stundenlang spielt sie damit und wird es hoffentlich noch recht oft und recht lange tun.

Von Willi R. aus Heßlingen

 

 



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Bei den Artikeln, Tipps und Tricks, usw. auf dieser Webseite handelt es sich zum größten Teil um Auszüge aus Büchern, die um 1900 erschienen. Daher sind die Rezepte und Anleitungen nicht auf dem neuestem wissenschaftlichen Stand. Unter Umständen ist hier von Chemikalien die Rede, bei denen sich herausgestellt hat, dass sie giftig sind. Daher muss du dich auf jeden Fall erst kundig machen, was es mit den einzelnen Chemikalien auf sich hat und welche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, bevor du sie anwendest!
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