Tinten

Unter Tinten versteht man dem allgemeinen Sprachgebrauch nach alle diejenigen Flüssigkeiten, welche zum Schreiben dienen. In früheren Jahrhunderten war für schwarze Tinte allein Galläpfel- oder Gallustinte gebräuchlich. Später kamen die Chrom- und die sog. Alizarintinte hinzu, neuerdings auch noch die Theerfarbstofftinten. Aber auch noch jetzt müssen wir, sobald es sich um eine Tinte handelt, deren Haltbarkeit in der Schrift für lange Zeit gesichert sein muss, trotz der ihr anhaftenden Mängel auf die Galläpfeltinte zurückgreifen; sie allein verbürgt eine solche Haltbarkeit.


Für ihre Bereitungsweise giebt es zahlreiche Vorschriften und Methoden, auf deren hauptsächlichste wir späer näher eingehen werden. Gerade in der neuesten Zeit hat die Fabrikation der Gallustinten mancherlei Aenderungen erfahren, welche wenigstens einen Theil der ihr anhaftenden Mängel beseitigt haben.

Vier Hauptbedingungen hat eine gute schwarze Tinte zu erfüllen.

1. Möglichst tiefschwarze Farbe beim Schreiben,

2. der richtige Grad der Flüssigkeit,

3. Haltbarkeit der Tinte selbst; sie soll weder schimmeln, noch sich absetzen und wieder verdicken,

4. Dauerhaftigkeit der Schrift.

Die letzte Bedingung wird von einer richtig bereiteten Gallustinte erfüllt. Die richtige Konsistenz (sie darf weder durchschlagen, noch zu dick aus der Feder fliessen) ist ebenfalls durch einen entsprechenden Gummizusatz zu erreichen.

Schwieriger ist die erste und dritte Bedingung mit einander zu vereinigen. Um uns über die beste Erreichung dieses Zieles klar zu werden, müssen wir zuerst uns die Natur der Flüssigkeit einer Galläpfeltinte vergegenwärtigen. Sie ist nach ihrer Bereitungsweise eine Lösung von gerbsaurem Eisenoxydul nebst darin gelöstem oder sehr fein vertheilten gerbsaurem Eisenoxyd, mit einem beliebigen Zusatz von Gummi Arabicum und einer geringen Menge freier Säure, meistens Essigsäure.

Die Materialien, welche wir zu ihrer Herstellung brauchen, sind ein Galläpfelauszug, einerlei ob von chinesischen oder türkischen Gallen, dann eine Lösung von Eisenvitriol, angesäuert mit etwas Essigsäure und endlich arabisches Gummi.

Bringen wir Gerbsäure, wie sie in diesem Auszug enthalten ist, mit absolut oxydfreiem Eisenvitriol zusammen, so entsteht eine klare, kaum dunkel gefärbte Flüssigkeit. Schreiben wir mit dieser Lösung und setzen die Schriftzüge der Luft aus, so werden sie allmälig tiefschwarz, weil sie sich in der Papierfaser selbst in schwarzes, gerbsaures Eisenoxyd umwandeln. Hierauf beruht die Dauerhaftigkeit des Geschriebenen, da dasselbe auf der Papierfaser gleichsam festgebeizt ist.

Ersetzen wir den Eisenvitriol (schwefelsaures Eisenoxydul) durch ein Eisenoxydsalz, so erhalten wir sofort eine tief blauschwarze Flüssigkeit, welche auch dunkle Schriftzüge hervorruft; diese letzteren aber sind nicht auf der Faser festgebeizt, sondern sie liegen nur auf derselben und lassen sich, wenn auch schwierig, abwaschen.

Die Flüssigkeit selbst ist nämlich keine Lösung des gerbsauren Eisenoxyds, sondern nur eine farblose Flüssigkeit, in welcher das schwarze, gerbsaure Eisenoxyd suspendirt ist. Es setzt sich, wenn auch wegen seiner Feinheit nur langsam, aus demselben ab.

Wollten wir durch einen grösseren Zusatz von arabischem Gummi die Flüssigkeit so weit verdicken, dass ein Absetzen des Niederschlages nicht oder doch nur sehr langsam erfolgt, so würde sie zum Schreiben nicht mehr tauglich sein.

Eine derartige Umsetzung von Oxydul- in Oxydsalz geht nun auch in der Tinte vor sich. Die frisch sehr hell gefärbte, Tintenmischung wird allmälig immer dunkler und zwar um so schneller, je mehr sie der Luft ausgesetzt ist. Nach einiger Zeit stellt sie also eine Mischung dar aus löslichem, gerbsaurem Eisenoxydul und unlöslichem, in der Flüssigkeit nur suspendirtem gerbsaurem Eisenoxyd. In diesem Stadium der Umsetzung erfüllt die Tinte vollständig alle an sie zu machenden Anforderungen; sie fliesst dunkel und die Schrift ist beständig.

Könnten wir jetzt den Umsetzungsprozess unterbrechen, so wäre die gestellte Aufgabe gelöst; leider ist dies nicht der Fall. Wir können die Umsetzung nur ein wenig verlangsamen; einmal dadurch, dass wir die Tinte, sobald sie sich hinreichend geschwärzt hat, aus den offenen Gefässen in geschlossene bringen, um sie dadurch möglichst vor der weiteren Einwirkung des Sauerstoffs der Luft zu schützen. Andererseits wird durch den Säurezusatz die Oxydation überhaupt verlangsamt und auch, wie man annimmt, ein Theil des gerbsauren Eisenoxyds in Lösung gebracht. Man wählt als Säure fast immer die Essigsäure und zwar am besten in Form von rohem Holzessig, dessen empyreumatische Bestandtheile zugleich die Schimmelbildung verhindern und die Haltbarkeit der Tinte erhöhen.

Wird kein Holzessig, sondern reiner Essig oder irgend eine andere Säure angewandt, so müssen wir andere, die Schimmelbildung verhindernde Zusätze machen. Hierzu eignen sich am besten Karbol- oder Salicylsäure, da das kräftig wirkende Sublimat, seiner Giftigkeit wegen, zu verwerfen ist. Die Gefahr der Schimmelbildung tritt überhaupt fast ganz in den Hintergrund, wenn wir statt der Galläpfelauszüge, nach Dieterichs Vorschläge, reine Gerbsäurelösung anwenden.

Kommt es darauf an, eine Tintenmischung möglichst schnell verwenden zu können (denn die oben genannte Umsetzung erfordert Wochen, ja Monate), so kann man sich dadurch helfen, dass man dem Eisenvitriol von vornherein etwas Eisenoxydlösung hinzusetzt, doch ist hierbei zu bemerken, dass der dadurch entstehende schwarze Niederschlag sich weit rascher absetzt, als wenn die Oxydation in der Flüssigkeit selbst vor sich geht.

Weit besser ist es unserer Ansicht nach, die blasse Tinte durch irgend ein anderes Mittel aufzufärben, und hierzu verwendet man am besten Anilinschwarz oder einen anderen Theerfarbstoff in solcher Menge, als eben erforderlich ist, die Tinte aus der Feder dunkelfliessend zu machen. Eine so aufgefärbte frische Tinte, sofort auf Flaschen gefüllt und gut verkorkt, besitzt eine fast unbegrenzte Dauerhaftigkeit und entspricht fast allen, an eine gute Tinte zu stellenden Anforderungen. Jedenfalls ist sie besser als eine schon halboxydirte, nicht aufgefärbte Tinte. Weiter ist zu bemerken, dass man bei allen Tinten niemals das Gummi Arabicum durch Gummi Senegal ersetzen darf. Ersteres ist, wegen seiner vollständigen Löslichkeit, selbst in seinen schlechteren Sorten, immer vorzuziehen.


Dieterich lässt bei seinen neueren Vorschriften das arabische Gummi durch Zucker ersetzen, ein Zusatz, der von anderen Seiten für nicht anwendbar gehalten wird. S. Lehner z. B. verwirft, in seinem Werke über die Tinten-Fabrikation, den Zuckerzusatz gänzlich, weil derselbe ein Schleimigwerden der Tinte hervorrufe. Nach eigenen Erfahrungen können wir diese Behauptung vorläufig nicht bestätigen, doch stehen uns allerdings nur derartige, mit Zucker bereitete Tinten zu Gebote, welche erst 3 Monate alt sind. Möglich ist es immer, dass der Zucker durch die vorhandene freie Säure allmälig invertirt wird. Dieterich empfiehlt deshalb schon den Zucker erst der fertigen Tinte zuzusetzen, damit eine Invertirung durch das Kochen mit der Säure nicht vor sich gehe; vielleicht geschieht eine solche aber doch in der Kälte bei längerer Berührung des Zuckers mit der Säure.

Kommt es auf grosse Billigkeit der Tinten an, so wird der Galläpfelauszug häufig theilweise durch einen Auszug von Blauholz ersetzt; doch bedeutet ein derartiger Zusatz immer eine Verschlechterung der Tinte. Dieterich behauptet sogar, dass das Ferritannat des Blauholzes sich mit dem der Galläpfel nicht vertrüge.

Das Verhältniss zwischen Galläpfel resp. Tannin und dem Eisenvitriol geht in den einzelnen Vorschriften ungemein weit auseinander. Wir werden auf die Verhältnisse später bei den eigentlichen Vorschriften noch näher eingehen, wollen hier aber gleich bemerken, dass der Eisenzusatz nicht grosser sein darf, als dass er durch die Gerbsäure gänzlich in Ferritannat übergeführt werden kann. Ist mehr Eisen vorhanden als hierzu erforderlich, so bleibt unzersetzter Eisenvitriol in der Flüssigkeit und dieser wird auf dem Papier sich oxydiren und zum Theil sich in unlösliches, basisch schwefelsaures Eisenoxyd umwandeln, welches die Schrift vergilbt. In diesem Umstand liegt die Ursache begründet, dass selbst Gallustinten nach verhältnissmässig kurzer Zeit auf dem Papier gelb werden.

Viele Fachkenner wollen behaupten, dass das verhältnissmässig rasche Verblassen der Schriftzüge, bei sonst guten Tinten, vielfach in der heutigen Bereitungsweise unseres Schreibpapieres begründet sei. Dadurch, dass bei der Bereitung des Papiers grosse Mengen von Chlor zum Bleichen der Fasern benutzt würden, blieben immer Spuren desselben im Papier zurück, welche eine schnellere Vergänglichkeit der Schriftzüge bedingten.

Kommt es mehr auf grosse Billigkeit der Tinten als auf Dauerhaftigkeit der Schriftzüge an, so verwendet man vielfach die sog. Chromtinten. Sie werden bereitet durch Zusatz kleiner Mengen von Kaliumchromat zu einer Abkochung von Blauholz, oder einer Auflösung von Blauholzextrakt. Derartige Tinten haben den Vorzug, vollständig säurefrei zu sein, sie fliessen ferner gut aus der Feder und eignen sich daher vorzüglich als Schultinten. Die Beständigkeit der mit ihr hergestellten Schriftzüge ist allerdings etwas geringer als bei der Gallustinte, doch lässt sich dieser Uebelstand auf ein Minimum beschränken, wenn man Folgendes beachtet:

1. darf man niemals doppelt- sondern nur einfach chromsaures Kali verwenden, und

2. auch von diesem letzteren nur so viel als eben hinreicht, um eine tief blauschwarze Färbung in der Flüssigkeit hervorzurufen.

Wir bringen später eine Vorschrift für eine derartige Chromtinte, die per Liter nur wenige Pfennige kostet. Wir haben damit Geschriebenes 3 Monate lang dem vollen Tageslicht ausgesetzt und zwar so, dass die Sonnenstrahlen direkt darauf fielen. Trotzdem sind die Schriftzüge in kaum merklicher Weise abgeblasst.

Die eine Zeit lang so sehr beliebten Alizarintinten trugen ihren Namen sehr mit Unrecht, da sie mit Alizarin, dem Farbstoff des Krapps, absolut nichts zu thun hatten. Sie waren Gallustinten, bei welchen man den Galläpfelauszug mit Oxal- oder einer anderen Säure versetzte, wodurch derselbe bedeutend heller wird. Dann wurde ein möglichst oxydfreier Eisenvitriol angewandt, und die so entstandene, sehr helle, fast gelbe Tintenflüssigkeit mit so viel Indigokarmin versetzt, dass eine grün fliessende Tinte entstand. Heute ist der Name Alizarintinte fast ganz verschwunden, doch sind die meisten der heute gebräuchlichen und beliebten Komtortinten Alizarintinten in jenem Sinne, nur dass man an Stelle des damals gebräuchlichen Indigoblaues heute die weit billigeren und ausgiebigeren Theerfarbstoffe setzt.

Kopirtinten sind verstärkte Tinten, welchen dann, um sie besser kopirfähig zu machen, eine gewisse Menge Glycerin, Zucker oder Dextrin zugesetzt wird. Derartige Zusätze sind nicht nöthig, sobald Farbholzextrakte angewandt werden. Die weitaus grösste Zahl der Kopirtinten sind Blauholztinten, doch hat man auch für Gallus-Kopirtinten gute und brauchbare Vorschriften.

Ausser den schwarzen benutzt man vielfach farbige Tinten für Korrekturen, Liniirung etc. Hierfür verwendete man früher vielfach Auszüge von Cochenille oder Rothholz für rothe Tinten; für blaue wiederum Lösungen von Indigokarmin oder Berliner Blau; für grüne Indigo mit Kurkuma u. s. w. Nach Entdeckung der prächtigen Theerfarbstoffe nimmt man diese ganz allgemein zur Herstellung farbiger Tinten. Neuerdings werden sogar von den Anilinfabriken sog. Tintenextrakte in den Handel gebracht, welche in Wasser gelöst sofort prächtig gefärbte und sehr schön fliessende Tinten liefern, die sich noch obendrein durch grosse Billigkeit auszeichnen. Diesen Extrakten ist das nöthige Gummi gleich zugesetzt. Will man derartige Tinten selbst aus wasserlöslichem Anilin herstellen, so rechnet man auf 1kg Flüssigkeit ca. 30g Gummi Arabicum und je nach der Ausgiebigkeit 3-10g Anilin. Für Roth eignet sich am besten Eosin; für Violett das Jodviolett; für Blau das Lichtblau.

Ueber unauslöschliche und sympathetische Tinten bringen wir das Nähere bei den betreffenden Vorschriften.

E. Dieterich in Helfenberg hat über die Darstellung der Gallustinten zahlreiche Versuche angestellt und die Resultate in verschiedenen Vorschriften niedergelegt. Dieselben liefern gute, wenn auch noch nicht tadelfreie Tinten. Er geht bei seinen neuesten Vorschriften davon aus, das Eisentannat durch Kochen mit einem Ueberschuss von Gerbsäure in Lösung zu bringen. Entgegen seinen früheren Vorschriften hat er das Eisenoxydulsalz verlassen und wendet jetzt von vornherein ein Eisenoxydsalz an. Durch diese Methode entstehen zwei Nachtheile. Einmal das dabei nothwendige Kochen, eine Operation, die allerdings im Kleinen leicht ausführbar, bei dem Grossbetrieb aber doch manche Schwierigkeit hervorruft. Zweitens enthält die Tinte einen so bedeutenden Ueberschuss an Gerbsäure, dass sie auf den Federn beim Antrocknen dicke Krusten hinterlässt. Dieser Uebelstand, der sich wohl durch sehr sorgfältiges Abreiben der Feder nach dem Schreiben ziemlich unschädlich machen liesse, ware gern hinzunehmen, wenn dadurch ein weiterer Zusatz an freier Säure vermieden werden könnte; dies ist aber nicht der Fall, denn Dieterich lässt zu jedem Liter fertiger Tinte noch 0,5g konzentrirte Schwefelsäure setzen, eine Säuremenge, welche die Federn sehr stark angreift und sie sehr bald kratzen macht.

Der Verfasser hat die Vorschriften nach verschiedenen Seiten hin einer eingehenden Prüfung unterzogen. Zuerst sollte festgestellt werden, ob das Oxydsalz vor dem Oxydulsalz irgend welchen Vorzug verdiene, und, wenn dies nicht der Fall, ob dann bei einer Oxydultinte das Kochen von irgend welchem Nutzen sei. Zu diesem Zweck wurden 3 nicht mit Anilinpigment gefärbte Tinten hergestellt. No. 1 genau nach der D.'schen Vorschrift. No. 2 in gleicher Weise durch Kochen, jedoch nicht mit Oxydsalz, sondern mit einer berechneten Menge Oxydulsalz. No. 3 die gleichen Verhältnisse wie No. 2, aber ohne Kochung.
Mit diesen 3 Tinten wurde auf gleichem Papier geschrieben und die Schriftzüge einer gleichen Belichtung ausgesetzt. Hierbei zeigte sich, dass die Oxydultinten 2 und 3 sich völlig gleichmässig verhielten, und dass die anfangs sehr blassen Schriftzüge rascher dunkler wurden, als dies bei der Oxydtinte der Fall war. Nach dieser Seite konnte von einem Vorzug der Oxydtinte vor der Oxydultinte nicht die Rede sein. Es galt nun weiter festzustellen, ob ein solcher Vorzug stattfinde, in Bezug der Haltbarkeit der Tinte selbst und der Dauerhaftigkeit der Schriftzüge. Zu diesem Zweck wurden die 3 Tinten in gleicher Weise mit Anilinblau aufgefärbt, mit allen 3 Schriftproben gemacht und dann die 3 Tinten in verschlossenen Flaschen 3 Monate bei Seite gesetzt. Alle 3 zeigten nach dieser Zeit in den Flaschen einen ziemlich geringen Bodensatz, der in erkennbarer Weise bei allen etwa der gleiche war. Die Schriftzüge, die ebenfalls 3 Monate einer vollen und gleichen Belichtung ausgesetzt waren, zeigten einen entschiedenen Vorzug der Oxydultinte vor der Oxydtinte, und zwar erschien die Schrift mit der kalt bereiteten am schwärzesten.

Durch diese Versuche glauben wir festgestellt zu haben, dass sowohl das Kochen, sowie die Benutzung des theuren Oxydsalzes an Stelle des billigeren Oxydulsalzes keine besonderen Vortheile bietet. Es wurde nun weiter versucht, ob nicht die Menge der Gerbsäure und der freien Säure sich herabmindern liesse, ohne dass dadurch die Güte der Tinte wesentlich beeinträchtigt würde. Die Gerbsäuremenge wurde von 60,0 per Liter auf 40,0 herabgesetzt, auch die Menge des Oxydulsalzes verringert. Ferner die 0,5 g Schwefelsäure durch 15,0 Holzessig ersetzt. Das Resultat war ein durchaus günstiges; die Tinte hat sich gleich gut gehalten und die Schriftzüge wurden gleichgut schwarz.

Kurz nach Beendigung dieser Untersuchungen wurden uns die Veröffentlichungen der Herren Schluttig und Neumann (veranlasst durch die Firma Leonhardi in Dresden) über eine den gesetzlichen Anforderungen entsprechende Gallustinte bekannt. Die Herren kommen in ihrer Vorschrift den von uns entwickelten Ideen sehr nahe, auch sie benutzen das Oxydulsalz, setzen den Gerbsäuregehalt noch weiter herunter als wir es gethan und unterscheiden sich nur dadurch, dass sie durch den Zusatz von 10,0 Salzsäure per Liter eine stark saure Tinte herstellen und dass sie einen Theil der Gerbsäure, in Nachahmung eines wirklichen Galläpfelauszuges, durch Gallussäure ersetzen. Die nach dieser Vorschrift bereitete Tinte fliesst sehr schön aus der Feder und wird schön schwarz. Wir halten den Zusatz von Gallussäure, die bedeutend theurer ist als Gerbsäure, in einer mit Anilinpigment gefärbten Oxydultinte für überflüssig; viel mehr würde ein solcher gerechtfertigt sein, wenn man die Tinte nicht auffärbte, da die Tinte dann früher dunkler erscheinen würde als ohne diesen Zusatz. Reine Gallussäurelösung, mit reinem Eisenoxydulsalz zusammen gebracht, giebt eine tief indigoblaue Lösung, doch erscheinen die damit gemachten Schriftzüge immerhin noch sehr blass und werden auch nicht früher schwarz als dies bei einer gewöhnlichen, ungefärbten Oxydultinte der Fall ist.

Selbst wenn durch die Dieterich'schen Untersuchungen nichts weiter angeregt wäre, als dass man. statt der Benutzung von Galläpfelauszügen auf die allerdings so nahe liegende Verwendung von reiner Gerbsäure hingewiesen wäre, so müsste die Tintenfabrikation hierfür schon dankbar sein. In Bezug auf den Preis steht der Verwendung der Gerbsäure nicht das Geringste entgegen, wie sich klar zeigt, wenn man den Preis für technisches Tannin und den für chinesische Galläpfel, die ja seit Jahrzehnten allein in Betracht kommen, mit einander vergleicht. Der grosse Vortheil, welchen man durch die Benutzung von reiner Gerbsäure erzielt, liegt darin, dass man in einer solchen Lösung die grosse Menge von organischen Bestandtheilen, wie Extraktivstoffe, Schleim etc., welche in einem Galläpfelauszuge vorhanden sind, vermeidet. Gerade diese organischen Bestandtheile sind es, welche ein rasches Schimmeln und Dickwerden der nach alter Art bereiteten Gallustinten bewirkten. Dieser Uebelstand sollte früher dadurch vermieden werden, dass man die Galläpfelauszuge eine Zeit lang kochte und nach dem Erkalten klärte. Hierdurch wurden allerdings die Schleimstoffe zum grössten Theil, die Extraktivstoffe jedoch so gut wie gar nicht abgeschieden.

Eine mit reiner Gerbsäure bereitete Eisentannattinte, namentlich wenn sie nicht, wie in den Dieterich'schen Vorschriften, einen grossen Ueberschuss von Gerbsäure enthält, und mit der nöthigen Menge gährungswidriger Mittel, wie Salicyl- oder Karbolsäure, versetzt ist, muss bei richtiger Bereitung und Aufbewahrung eine allen Anforderungen entsprechende Haltbarkeit besitzen.

Selbstverständlich ist es, nach unseren heutigen Kenntnissen, dass eine fertige Tinte in gut verschlossenen Gefässen aufbewahrt werden muss. Die Tintenfässer selbst sollten nicht zu gross sein und so viel als möglich geschlossen gehalten werden, denn die atmosphärische Luft ist der schlimmste Feind einer jeden Tinte.

Es sei hierbei bemerkt, dass es für die Reinigung der Schreibfedern kein besseres Mittel giebt, als wenn man dieselben nach dem jedesmaligen Gebrauch in eine frische, rohe Kartoffel steckt.

Von den zahlreichen Zusätzen, welche früher noch ausser den Galläpfeln, dem Eisenvitriol und Gummi der Tinte zugesetzt wurden, wir nennen hier nur Kupfervitriol, Kochsalz, Salmiak etc., sind wohl die meisten vollständig ausser Gebrauch gekommen. Nur der Kupfervitriol findet sich noch hier und da auch in besseren Vorschriften. Derselbe soll eine schwache Verkupferung der Stahlfeder bewirken, um dieselben für die freie Säure der Tinte weniger angreifbar zu machen. Wenn dieses nun auch für die Feder selbst der Fall ist, so hilft es doch nicht für die Federspitze, da diese durch das Schreiben fortwährend abgeschliffen wird.
Wenn wir Alles im Vorhergesagten zusammenfassen, so können wir allerdings wohl behaupten, dass die Tintenfabrikation in den letzten Jahrzehnten bedeutend fortgeschritten ist, dass aber die letzte Aufgabe derselben, die Herstellung einer vollkommen tadelfreien Stahlfedertinte immer noch nicht gelöst ist.


 



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Bei den Artikeln, Tipps und Tricks, usw. auf dieser Webseite handelt es sich zum größten Teil um Auszüge aus Büchern, die um 1900 erschienen. Daher sind die Rezepte und Anleitungen nicht auf dem neuestem wissenschaftlichen Stand. Unter Umständen ist hier von Chemikalien die Rede, bei denen sich herausgestellt hat, dass sie giftig sind. Daher muss du dich auf jeden Fall erst kundig machen, was es mit den einzelnen Chemikalien auf sich hat und welche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, bevor du sie anwendest!
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